Der Geschichteunterricht dient, einen unserer sensibelsten und zugleich auch labilsten Sinne zu schärfen: nämlich den Zeitsinn. In der Erfahrung des Geschehens, des Entwickelns und des Abschließens von Vorgängen werden wir uns erst der Bewegung, die der Zeit inhärent ist, bewusst. Erst durch das Vergangene kann der Mensch, und somit auch der Schüler, Gegenwart als Station zur Zukunft erkennen. Infolgedessen bearbeitet, stärkt und fördert die Auseinandersetzung mit "Geschichte" die Individualität des Einzelnen in der zeitlichen Abfolge rein Vorgänge.

Dies gilt für den einzelnen Menschen, in unserem Fall Schüler und Professoren, genauso wie für eine größere Gruppe, seien es nun Staaten, Völker oder religiöse Gemeinschaften. Anhand ihrer Entwicklung, ihrer Stationen auf dem Weg den sie zurückgelegt haben und der Verbindungen, die zwischen den einzelnen eigenen und auch fremden Entwicklungsstufen bestehen, ist es überhaupt möglich temporale, qualitative und quantitative Unterschiede festzustellen und geschichtliche, soziale, religiöse, wirschaftliche, kulturelle Reaktionen zu differenzieren und sie so dem jeweiligen Träger begründet zuzuordnen.

Eine der vorrangigen Aufgaben des Geschichteunterrichts, genau wie bei den exakten Wissenschaften, liegt in der Begründung eines ganz bestimmten Ergebnisses. In diesem Sinn ist auch "Geschichte" eine exakte Wissenschaft, da sie aus einer Vielzahl von summierten und interaktiven Faktoren die möglichst gründliche Analyse eines zeitbezogenen und deshalb schwer zu definierenden Phänomens erreichen will. Das Grundcharakteristikum der "Geschichte" liegt in der Wandelbarkeit der jeweiligen Aussage innerhalb der Statik der vielfältigen Interaktionen. Daher wird besonderer Wert darauf gelegt, dass die Schüler Zusammenhänge in den Ereignissen erkennen und begreifen lernen.

Aus dieser Notwendigkeit heraus gestaltet sich der Geschichteunterricht immer im Hinblick auf die verschiedenen Faktoren, die zum zeitlich bedingten Moment fürhen, der als geschichtliche Epoche oder historisches Ereignis in die Bücher Eingang gefunden hat. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit den Kontakt zu anderen Fächern wie Deutsch, Italienisch, Latein, Griechisch, Kunstgeschichte oder Philosophie immer aufrechtzuerhalten. Die diagonalen, fächerübergreifenden Hinweise, Rückschlüsse und Bezugnahmen ermöglichen dem Schüler erst die räumliche Dimension der Geschichte als Zeitablauf menschlichen Tuns von der Polit- und Militärgeschichte bis zur Sozial und Geistesgeschichte zu erfassen und sich ein fundiertes Basisverständnis seiner eigenen, zeitgenössichen Situation zu verschaffen.

(Prof. Daniel Lorenz)