Der Griechischunterricht ermöglicht es den Schülern, über die Sprache einen unmittelbaren Zugang zur Welt der antiken Griechen zu gewinnen. Diese Welt hat die Jahrhunderte, die seither vergangen sind, als Vorbild geprägt. Und die kulturelle Entwicklung Europas ist ohne den Hintergrund der griechischen Kultur nicht denkbar: Literatur und Naturwissenschaft, Philosophie und Religion haben stets wesentliche Impulse aus der griechischen und römischen Antike erfahren und sich in der Auseinandersetzung damit fortentwickelt.

Die wichtigste Aufgabe des Griechischunterrichts liegt darin, den Schülern das Verständnis für die Grundlagen der kulturellen Identität und Einheit Europas und für die Kontinuität einer vor fast 3000 Jahren einsetzenden Entwicklung zu vermitteln.

Für das Detailprogramm sei auf die neuen Lehrpläne verwiesen, die in den letzten Jahren für die Südtiroler Schulen ausgearbeitet wurden. Schlagwortartig lassen sich die dort dargestellten Inhalte und Ziele auf drei charakteristische Eigenheiten des Griechischunterrichts zusammenfassen: 

1. Sprechen lernen 
"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt." Wittgensteins Maxime - unzählige Male schon zur Rechtfertigung der alten Sprachen zitiert und interpretiert - ist nichts hinzuzufügen. Griechisch macht Sprache sichtbar und begreifbar, es zeigt den Schülern die Bausteine der Sprache und ihre Verknüpfungsmöglichkeiten, wie ein Chemiebaukasten die Atome und ihre Wertigkeiten sichtbar zu machen versucht. Wer Griechisch lernt, lernt, wie durch Sprache Wirklichkeit abgebildet wird und wie durch Sprache erst Wriklichkeit entsteht, die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, den Unterschied zwischen Aktiv und Passiv, zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Wer Griechisch lernt, sieht, wie eine Sprache funktioniert, er entdeckt das "Wunder der Sprache". 

2. Denken lernen 
Reflexion versus Kommunikation: ein weiteres Kennzeichen des Griechischunterrichts. In modernen Fremdsprachen lernt man im Allgemeinen, sich auszudrücken, sich verständlich zu machen und in verschiedenen mehr oder weniger realistischen Situationen den richtigen Ausdruck zu gebrauchen und die richtigen Worte zu finden. Im Griechischunterricht soll hingegen das Nachdenken über verschieden Aspekte von sprachlichen Ausdrucksformen und von Texten in Gang gesetzt und eingeübt werden (dass es sich dabei um Texte von hoher und höchster literarischer Qualität handelt, die zur Weltliteratur zählen, muss nicht eigens erwähnt werden):

  • Auf der sprachlichen Ebene geht es um die Überlegung, mit welchen grammatikalischen, syntaktischen und semantischen Mitteln ein Text erstellt wird: Form und Funktion von Einzelwörtern und von Wortgruppen stehen dabei im Mittelpunkt.
  • In der Reflexion über die Stilqualitäten von Texten erfassen die Schüler die ästhetische Gestalt sprachlicher Aussagen und gewinnen damit Einblicke in den Gestaltungsprozess eines literarischen Kunstwerkes.
  • Der Inhalt antiker Texte eröffnet immer gültige Erfahrungs- und Reflexionshorizonte, Sichtweisen und Problemlösungen von fortwirkender Aktualität. 

3. Lernen lernen 
Ein Schlagwort der modernen Didaktik, und doch so alt wie der Griechischunterricht. Griechisch war schon immer ein Fach, in dem in einer einzgartigen Weise dieses Lernziel angestebt werden konnte. Griechisch lernen heißt, das Lernen zu organisieren, Zeiten dafür festzulegen, zu planen, sich hinzusetzen, sich zu konzentrieren, vor allem aber zu wiederholen und sich selbst zu kontrollieren. In Griechisch ist der Inhalt der allerersten Stunde genauso wichtig wie der der letzen Stunde: man kann nichts abhaken, nichts beiseite lassen, ablegen und nie wieder anschauen. Wer in Geschichte von Ägypten, von den Punischen Kriegen oder von den Ottonen nichts oder nichts mehr weiß, wird trotzdem Einsicht und Verständnis für den Siebenjährigen Krieg oder für die Französische Revolution aufbringen können. Wer hingegen im Griechischen die Anfansgründe der Grammatik, Teile der Formenlehre oder der Syntax wieder vergisst, wird einen Text nicht übersetzen können und nicht verstehen. Wer Griechisch lernt, lernt, etwas so zu wiederholen und zu vertiefen, dass er es jederzeit abrufen und anwenden kann. Er lernt zu lernen.

(Prof. Reinhard Pichler)