Generell gesehen handelt es sich beim Lateinunterricht um die simple Vermittlung bzw. Aneignung einer Fremdsprache unter Anleitung von geschultem Fachpersonal - niemand dürfte dieser Definition wohl etwas entgegenzusetzen haben. Tatsächlich funktioniert der Lateinunterricht praktisch in etwa so wie ein Französisch- oder Englischunterricht: Man lernt zunächst Vokabeln, übersetzt einfache Wendungen und Geschichten, lernt allmählich Stammformen und unregelmäßige Verben, wird alsdann in die Unterschiede und neuen Möglichkeiten bzw. Einschränkungen eingeführt, die sich hinsichtlich der Verwendung dieser Sprache mit Blick auf die Muttersprache bzw. andere Sprachen allgemein ergeben, um sich dann im Laufe der Zeit mit immer schwierigeren Aufgabenstellungen, vor allem in From der Primärlektüre, konfrontiert und durch diese herausgefodert zu sehen.

Das die Schüler durch die Beschäftigung mit Latein lernen, ist allerdings mehr als die bloße Beherrschung einer Sprache. Durch den Lateinunterricht werden diejenigen, die ihm beiwohnen, in ein sprachliches wie geistiges Umfeld eingeführt, das heute in dieser Ausdehnung nur mehr schwerlich zugänglich gemacht werden kann: Schließlich handelt es sich bei der Sprache, derer sich Größen aus Politik und Bildung wie Caesar und Cicero täglich bedient haben, um einen Eckpfeiler in der Entwicklung des Abendlandes hin zu seiner heutigen From. Als europäische Basissprache gewährt sie den Interessierten die einmalige Möglichkeit, Entwicklungen und Veränderungen von Sprache durch eine diachrone Betrachtungsweise verfolgen und schließlich durch einen synchronen Vergleich konstatieren und festhalten zu können - eine Art "Sprachwerkstatt" im Kleinen. Es ist an dieser Stelle deshalb auch fast müßig zu erwähnen, welch wichtigen Beitrag aus eben diesem Grund das Lateinische bei der Erlernung von Fremdsprachen zu leisten imstande ist; die Leistungen des Lateinunterrichts allein auf diesen Aspekt zu beschränken, wäre jedoch falsch.

Latienschüler wissen (freilich zumeist erst im Abstand von einigen Jahren nach Beendigung ihrer Oberschullaufbahn) noch weiter positve Aspekte, die sich im Zusammenhang mit der ausgeprägten Kenntnis dieser Sprache eröffnen, zu schätzen. Der Lateinunterricht erzieht zu Systematik, Genauigkeit und schließlich auch zu einem überblickenden, strukturbildenden Denken. Aus der regelmäßigen Übersetzungsarbeit heraus wird zudem ein ausgeprägtes Feingefühl im Umgang mit der eigenen Muttersprache gefördert. Darüber hinaus erhalten die Schüler auch Gelegenheit, sich mit der antiken Gedankenwelt auseinanderzusetzen und deren Reize, Fragen und Erkenntnisse, die nach wie vor auch noch für das Heute maßgebend sind, aus erster Hand und somit unverfälscht und ursprünglich kennenzulernen.

Die unmittlebare Folge von alldem ist in Summe, dass Leiteinschüler in den Jahren ihrer Ausbildung lernen, flexibel, autonom und kreativ zu denken, sich aber auch gelichzeitig der Bedeutung von Selbsdisziplin und Strebsamkeit bewusst werden. Der Inhalt eines lateinischen Textes erschließt sich einem nämlich nicht allein dadurch, dass er seine Vokabeln und die Grammatik gelernt hat: Jedes Mal werden von den Schülern analytisches und kombinatorisches Denken verlangt - sie erst machen aus einer Vielzahl von korrekt übersetzten Sätzen mit beschränkter Aussagekraft ein homogenes, in sich stimmiges Ganzes. Durch den somit hergestellten geradezu persönlichen Bezug zu einem scheinbar leblosen Buchstabengewirr erleben die Schüler den Text als lebendiges Wesen kennen, der interpretiert, differenziert übersetzt und manchmal ambi- bzw. plurivalent verstanden werden kann, sich also gleichsam unter ihren Händen windet und seine definitive From auch druch ihr Zutun gewinnt - die bildliche Parallele zur plastischen Kunst drängt sich an diesr Stelle geradezu auf. Diese Erfahrung weckt das Verständnis für das Verhältnis von Dingen und Sachverhalten zueinander, er bringt die Entwicklung einer Urteils- und Entscheidungskraft auf den Weg und festigt sie. Der Lateinunterricht vermag somit die Pesönlichkeitsbildung der Schüler nachhaltig positiv zu beeinflussen und liefert die besten Vorzeichen für den Eintritt in ein Berufs- und Sozialleben, in denen oben genannte Eigenschaften mehr denn je zuvor gefragt sind.

(Prof. Lukas Oberrauch)